OÖN Artikel: Die teure Nebenwirkung des Emissionshandels

Carbon Capture & Storage (CCS) gilt zunehmend als pragmatische Klimaschutzlösung: CO₂ wird direkt am Entstehungsort abgeschieden und dauerhaft gespeichert. Besonders für „hard-to-abate“-Sektoren klingt das attraktiv. Bei genauerer Betrachtung erweist sich CCS jedoch weniger als Lösung denn als Ablenkung von echter Dekarbonisierung – vor allem im Zusammenspiel mit dem EU-Emissionshandel.

Oberösterreich als Brennpunkt der Klimapolitik

Oberösterreich ist das industrielle Herz Österreichs – und gleichzeitig dessen größter CO₂-Emittent. Rund 21 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr stammen vor allem aus Industrie und Verkehr. Damit stellt sich hier besonders zugespitzt die zentrale Frage der Klimapolitik: Wie reduzieren wir Emissionen dort, wo sie entstehen? Die österreichische Industriestrategie 2035 beantwortet diese Frage unter anderem mit der Öffnung für CCS, inklusive der Aufhebung des bisherigen Verbots. CO₂ soll künftig abgeschieden, transportiert und gespeichert werden dürfen. Was nach Pragmatismus klingt, birgt jedoch erhebliche Risiken.

CCS untergräbt die Logik des EU-Emissionshandels

Im EU-ETS gilt ein klares Prinzip: Wer CO₂ ausstößt, muss Zertifikate kaufen. Steigende CO₂-Preise – zuletzt deutlich über 70 Euro pro Tonne – schaffen Anreize, Emissionen zu vermeiden, Prozesse umzustellen oder fossile Energieträger zu ersetzen.

CCS hebelt diesen Mechanismus teilweise aus. Wird CO₂ abgeschieden, gilt es bilanziell als „vermeidene Emission“, selbst wenn die zugrunde liegenden Produktionsprozesse unverändert bleiben. Unternehmen können somit weiter fossil produzieren, ohne den vollen Anpassungsdruck zu spüren.

End-of-Pipe statt struktureller Transformation

Das Kernproblem: CCS senkt weder den Ressourcen- noch den Energieverbrauch. Stattdessen verlängert es emissionsintensive Geschäftsmodelle. Investitionen fließen in Abscheidungs-, Transport- und Speicherinfrastruktur, anstatt in Elektrifizierung, Materialeinsparung, Kreislaufwirtschaft oder erneuerbare Energien – also genau jene Maßnahmen, die langfristig Kosten senken und echte Emissionsreduktionen bringen würden.

Zudem bindet CCS enorme finanzielle Mittel in Infrastrukturen, deren Nutzen nur bei dauerhaft hohen Emissionen gegeben ist. Das erzeugt gefährliche Lock-in-Effekte, sowohl ökonomisch als auch politisch.

CCS als Ventil gegen Veränderungsdruck

Gerade für Oberösterreich droht CCS zum falschen Signal zu werden: Anstatt den CO₂-Preis als Innovationsmotor zu nutzen, dient CCS als Ventil, um den notwendigen Anpassungsdruck abzufedern. Die Folge ist ein Aufschub statt eines Umbaus.

Dabei braucht die Region keine CO₂-Bunker, sondern echte Dekarbonisierung:

  • massiven Ausbau erneuerbarer Energien

  • Wasserstofftechnologien dort, wo sie sinnvoll sind

  • Elektrifizierung industrieller Prozesse

  • Ausbau des öffentlichen Verkehrs und der Elektromobilität

  • mehr Effizienz und einen verbindlichen Reduktionspfad für Emissionen

Niemand bestreitet, dass CCS für unvermeidbare Restemissionen eine Rolle spielen kann. Als industriepolitisches Leitbild taugt es jedoch nicht. Wer Klimaneutralität ernst meint, darf den Emissionshandel nicht entschärfen, sondern muss ihn wirken lassen.

Alles andere ist keine Lösung für morgen – sondern ein Aufschub von heute.

Quelle des Artikels aus den Oberösterreichischen Nachrichten

Der Originalartikel von Wolfgang Schöfberger aus den oberösterreichischen Nachrichten.

© Text & Fotos:

Text basiert inhaltlich auf © Wolfgang Schöfberger, Die teure Nebenwirkung des Emissionshandels, Gastbeitrag zu Carbon Capture & Storage, österreichische Tageszeitung, Rubrik „Lösungen für morgen“.

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